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PANEL Online, Ausgabe zwei, November 2006
Aufgeblasen und zu allem bereit
"Jimmy das Gummipferd" von Roland Kohlsaat
Vor langer, langer Zeit, von 1953 bis 1977, enthielt die deutsche Illustrierte
„Stern“ eine Kinderbeilage, die sich „Das Sternchen“
nannte. Anfänglich war diese Beilage ein eigenständiges und mehrseitiges
Jugendmagazin, das angefüllt war mit allerlei Rätseln, Spielen, Geschichten
und einem wöchentlichen Comic mit dem Namen „Jimmy das Gummipferd“,
der damals als Onepager präsentiert wurde. Die Bildgeschichte wurde in
schwarzweiß gedruckt plus der Schmuckfarbe Rot. Autor und Zeichner der
Serie war Roland Kohlsaat. Seine beiden Helden waren der mexikanische Gaucho
Julio und sein treuer Freund und Gefährte Jimmy. Dass es sich bei Jimmy
um ein aufblasbares Gummipferd handelte, macht den besonderen Reiz der Serie
aus. So läßt sich mit dem Kautschuk-Kumpel allerhand anstellen, sei
es zu Luft oder zu Wasser. Die Abenteuer von Julio und Jimmy waren damals nicht
nur bei Kindern beliebt, auch Erwachsene konnten sich für Kohlsaats Arbeiten
begeistern. Ende der 50er waren dies bis zu 30% der Leser, bei einer Auflage
von 1,5 Millionen sind das wöchentlich 45.000. Fast unpassend erscheint
vor diesem Hintergrund der Werbeslogan des Sternchens: Kinder haben Sternchen
gern, Sternchen ist das Kind vom Stern.
1961 aber folgte der Kindsmord. Der Verlag entschied, das „Sternchen“
aus finanziellen Gründen auf zwei mickrige Seiten herunterzukürzen,
die dann im Haupt-Magazin untergebracht wurden. „Jimmy das Gummipferd“
kam dann nur noch gestutzt als Comic Strip mit jeweils sechs Bildern und in
schwarzweiß vor. Anfang der 70er wurde die Reihe in „Julios abenteuerliche
Reisen“ umbenannt. Trotz dieser Einschränkungen und Veränderungen
behielt die Erzählung ihre Qualität. Mehr noch: In den folgenden Jahren
konnte Roland Kohlsaat diese sogar noch steigern. Seine Zeichnungen wurden
detaillierter, die Geschichten noch dichter. Bis zu seinem Tod am ersten Februar
1978 zeichnete der fleißige Hamburger jede Woche eine neue Folge.
Anfänglich waren die Abenteuer von Julio und Jimmy recht naiv erzählt,
wurden aber im Laufe der Jahre immer trickreicher und versponnener. Kohlsaat,
dessen Erscheinung auf den ersten Blick so furchtbar bieder wirkte, erdachte
eine seltsame und surreale Reise für seine beiden neugierigen Helden. Immer
öfter stellte sich ein skurilles und verwirrendes Gefühl ein, das
wie diffuses Hintergrundrauschen wirkte. Wenn die Helden auf niedliche Meerjungfrauen,
Zentauren, Maulwurfsmenschen und Roboter trafen, war das noch das normalste,
was Kohlsaat wöchentlich aufs Blatt brachte.
Ein Beispiel: Julio und Jimmy landen im Laufe ihrer Odyssee auf einer unbekannten
Insel, die von Riesenfröschen bevölkert ist. Nach anfänglichen
Problemen stellt sich heraus, das die Frösche eigentlich recht freundliche
Gesellen sind. Doch plötzlich schießt ein unheimlich aussehender
Mann, der in einem riesigen Heuhaufen sitzt, mit einem Gewehr auf Julio, Jimmy
und die Frösche. Dabei kommt es zu Toten. Kurzerhand zündet Julio
den Heuhaufen an, der böse Mann verliert seine Deckung und wird von den
Fröschen mit deren säurehaltigen Spucke angegriffen. Derweil entdeckt
Julio, dass der Mann die Frösche zur Leichenfledderei gezwungen hat, als
er unter dem nun verbrannten Heu ein Schiffswrack mit toten Passagieren und
deren Schmuck findet. (Mai/Juni 1974)
Wenig später auf einer anderen Insel - man muß bedenken, das ein
gut aufgeblasenes Gummipferd wunderbar als Boot funktioniert - entdecken unsere
beiden Abenteurer einen riesigen Baum, auf und unter dem kokosnussähnliche
Früchte hängen bzw. liegen. Ebenfalls beobachten die zwei eine Art
Affenmenschen, bekleidet mit einer Hose, der die Früchte begeistert verzehrt.
Als Julio ebenfalls kostet, „schwinden ihm die Sinne und er versinkt in
Träume. Die Nuß schmeckt nicht nur gut, sie hat auch eine berauschende
Wirkung. Julio träumt, er wäre ein Schmetterling und gaukelte mit
dem Affenmenschen über die Wellen.“ (August 1974)
Für eine Kinderserie sind solche Geschichten natürlich absolut ungewöhnlich.
Ganz unterschwellig läßt Kohlsaat seine Comic-Helden Erfahrungen
mit Gewalt und Tod, Drogen und Spiritualität, Leidenschaft und Sexualität
machen. Und tatsächlich passt alles wunderbar zusammen in dieser mutigen
Mixtur aus Abenteuergeschichten à la Jules Verne und Karl May mit einem
Schuß Barbarella. Kohlsaat selbst bezeichnete seinen Comicstrip
einmal als eine „Pop-Odyssee“. So hebt sich "Jimmy das
Gummipferd" wie auch der andere große Zeitschriften-Strip der Fünfziger,
"Nick Knatterton", wohltuend vom Mief der 50er Jahre ab, der sich durch die damaligen
Comics zieht.
Vor gut 25 Jahren veröffentlichte die „Edition Becker und Knigge“
die Jahrgänge 1956, 1957 und 1958. Fast nahtlos - es fehlen drei Folgen
- schließt 2003 ein dickes Buch des Lappan Verlages an, das eine Ausstellung
im Wilhelm Busch Museum Hannover als Katalog begleitete. Schön wäre
es, wenn sich ein weiterer Verlag trauen würde, die restlichen Abenteuer
von Julio und Jimmy herauszubringen, denn gerade in den späteren Geschichten
hat Kohlsaat seine absoluten Höhepunkte in Bezug auf Strich und Story erreicht.
Andererseits paßt es zum allgemeinen Verständnis, wie man in Deutschland
mit Comics umzugehen hat. So gesehen ist es irgendwie schade, dass „Jimmy
das Gummipferd“ nicht auf französich herausgekommen ist. Dann wären
wir schon bei der fünften Auflage.
Andreas Keiser
Mehr über Jimmy das Gummipferd gibt’s unter: www.das-gummipferd.de
Roland Kohlsaat
Jimmy das Gummipferd
240 Seiten, 25x31cm, Schmuckfarbe
Lappan 2003, ISBN: 3830330650
Bildquellen und Copyrights: Sammlung Sigrid Kohlsaat, Sternchen, Lappan
Zuletzt aktualisiert: 19. 12. 2006
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